MAZ-Interview: „Uns geht’s ja nicht schlecht“

Kommunalpolitik

Dennis Granzow, Chef des Integrations- und Leistungszentrums Havelland, gibt sich im neuen Jahr optimistisch

Mit dem Geschäftsführer sprach Jana Einecke über Geld, Bürokratenwörter, Sparzwänge und die Bewerbung des Landkreises als Optionskommune.

MAZ: Herr Granzow, in den Briefen und Texten des Jobcenters stolpert man oft über Satzungetüme und abstrakte Amtsformeln. Warum benutzen Sie keine normalen Wörter? Wollen Sie nicht verstanden werden?

Dennis Granzow: Der Sachverhalt ist nicht ganz einfach. Unsere Pressesprecherin sagt manchmal zu mir: ’Chef, das versteht kein Mensch!’ Aber ich habe den Anspruch, korrekt zu informieren – da ist Umgangssprache manchmal nicht geeignet. Außerdem muss ich mich gesetzeskonform verhalten. Ich finde die Bescheide auch nicht hinreichend präzise und verständlich; die Textbausteine, die das Programm vorgibt, passen oft nicht zusammen. An der Sprache könnte man tatsächlich noch arbeiten. Überall dort, wo nicht das Gesetz zitiert werden muss.

Eines dieser Wörter ist Optionskommune: Der Landkreis bewirbt sich darum, die Langzeitarbeitslosen ab 2012 allein zu betreuen. Was spricht gegen eine weitere Zusammenarbeit mit der Bundesagentur für Arbeit?

Granzow: Um Menschen wieder in Arbeit zu bringen, müssen wir alle Chancen nutzen, die dieser Landkreis bietet. Und regional zugeschnitten das Richtige stricken – in der Konstellation Sozialamt, Jugendamt, Gesundheitsamt und Beschäftigungsförderung. Das hat der Kreistag so beschlossen. Und es wird Sie nicht umhauen, wenn ich Ihnen sage, dass das natürlich auch meiner Überzeugung entspricht. Punkt.

Abseits aller Menschlichkeit, Herr Granzow – was steckt wirklich hinter der geplanten Restrukturierung? Möglichkeit zum Sparen?

Granzow: Effizienz. Weniger Reibungsverluste. Stellen Sie sich vor, Sie hätten drei verschiedene Arbeitgeber. Der eine sagt so, der andere so und der Dritte sagt noch anders. Meinen Sie, Sie könnten dann wirtschaftlich sinnvoll, präzise, eben effizient Leistung erbringen?

Wie viel Geld fließt in die Bewerbung zur Optionskommune?

Granzow: Da fließt kein Geld hinein. Nur geistiges Gedankengut.

Wie viel kostet es, wenn das Havelland wirklich umstrukturieren darf?

Granzow: Dann gibt der Bund 75 Euro je Bedarfsgemeinschaft für die Umstellung. Dazu kommen 11 Euro von der Kommune. Das sind dann 86 Euro pro Bedarfsgemeinschaft. Pi mal Fensterkreuz sind das dann 800 000 Euro.

Sie stecken viel Arbeit und Energie in die Vorbereitung. Was passiert, wenn das Havelland es nicht schafft?

Granzow: Dann besteht die gemeinsame Einrichtung zwischen der Bundesagentur und dem Landkreis einfach fort.

Kein Katzenjammer? Sie wären dann nicht enttäuscht? Schwer vorstellbar.

Granzow: Was soll ich Ihnen anderes sagen?

Die Wahrheit.

Granzow: Das ist die Wahrheit. Meine Seelenlage oder auch die Seelenlage meiner Mitarbeiter spielt da kaum eine Rolle. Ich bin da relativ nüchtern. Ich will das auch bewusst so halten. Weil die Diskussion so emotionsgeladen gewesen ist. Mein Innerstes ist unwichtig.

Das wäre doch ein Rückschlag – Sie müssten sich mit dem zufriedengeben, was Sie jetzt als schlechter empfinden.

Granzow: Das ist immer im Leben so. Wenn man etwas nicht erreicht, ist das alles andere als angenehm.

Unangenehm wird es auch, wenn Sie in den kommenden Monaten das Bundessparpaket umsetzen. Wo wollen Sie die 700 000 Euro Personalkosten abknapsen, die sie kürzen müssen?

Granzow: Wir gucken etwa: Wie viel Miete müssen wir für unsere Gebäude bezahlen? Wir haben ja zurzeit sieben Dienststellen. Natürlich ist das eine Frage von Effizienz – auch von Personaleinsatz. Kann man mit weniger auskommen? Benötige ich in Nauen drei und in Rathenow zwei Dienststellen?

Sparen Sie auch am Service?

Granzow: Wir prüfen Dienstleistungen, die wir einkaufen. Wir arbeiten jetzt mit einem Service-Center der Bundesagentur zusammen, das ist ein erheblicher Kostenfaktor. Das will ich nicht verschweigen. Zwischen 300 000 und 400 000 Euro kostet es uns, die Telefonzentrale zu nutzen. Es ist noch nichts entschieden, aber wir überlegen sehr, ob wir das nicht selbst machen. Die Entscheidung ist nicht einfach. Einerseits würde diese Lösung Geld sparen, andererseits aber das vorhandene Personal belasten.

In diesem Jahr stehen zudem 6,5 Millionen weniger für die Eingliederung in den Arbeitsmarkt zur Verfügung.

Granzow: Ja, die werden um 40 Prozent gekürzt. Ich sag’s Ihnen ehrlich: Die Bundesrepublik soll meiner Meinung nach nicht auf lange Sicht so verschuldet sein wie Irland oder Portugal. Uns geht’s ja nicht schlecht. Damit das so bleibt, muss jeder gucken, ob und wo er da einen Beitrag leisten kann. Ich könnte mich auch hinstellen und sagen: Große Katastrophe! 40 Prozent! Aber ich bin tatsächlich froh, dass die finanzielle Situation in Deutschland zurzeit zumindest ein bisschen besser ist als die in Irland.

Trotzdem müssen Sie mit weniger Geld auskommen. Wo?

Granzow: Bei den Eingliederungszuschüssen zum Beispiel. Ein Mensch, der seit langer Zeit keine Beschäftigung mehr hat, kann nicht von heute auf morgen eine hundertprozentige Arbeitsleistung über acht Stunden bringen. Diesen Nachteil gleichen wir dem Unternehmer, der den Menschen einstellt, aus. Bislang haben wir zum Beispiel mit dem Eingliederungszuschuss ein Jahr lang die Hälfte des Gehaltes finanziert. Künftig sind es nur noch 30 Prozent.

Dann müssen Sie damit rechnen, dass weniger Arbeitslose eingestellt werden – und wieder mehr auf der Straße stehen.

Granzow: In letzter Konsequenz ja. Aber da gibt’s ja auch noch Spielmasse. Wir werden auch bei der öffentlich finanzierten Beschäftigung sparen und reduzieren müssen. Bei den Arbeitsgelegenheiten in der Entgeltvariante zum Beispiel.

Da hätten wir mal wieder eine Bürokratenphrase.

Granzow: Eine Arbeitsgelegenheit in der Entgeltvariante kommt zum Einsatz, wenn etwa ein Verein einen Helfer braucht. Dann sagen wir: Du kriegst einen für acht Monate, und wir zahlen ihn. Es ist quasi ein versicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis. Das Einkommen, die 900 oder 1000 Euro brutto, die finanzieren wir. Und das wird es nicht mehr geben im nächsten Jahr. Das ist ein erheblicher Einschnitt.

Betrifft das auch das Programm Havelland 500, die Bürgerarbeit?

Granzow: Nein. Daran wird nicht gekürzt. Für die Bürgerarbeit haben wir uns bewusst entschieden. Es war ja absehbar, was da an Einsparungen von seiten des Bundes auf uns zukommt. Über die Bürgerarbeit kann ich für drei Jahre – eine lange Zeit – 350 Stellen schaffen. Das Ganze wird über drei Jahre mit 14 Millionen Euro bundes- und kreisfinanziert.

Warum heißt das Programm überhaupt Havelland 500, wenn nur 350 Leute Arbeit finden?

Granzow: Eine berechtigte Frage. 350 wäre besser gewesen, richtig. Aber letztlich sind Namen Schall und Rauch. Havelland 500 heißt es, weil wir zuerst vorhatten, 500 Damen und Herren eine Aktivierungsphase durchlaufen zu lassen. 350 davon wären schließlich mit einer Stelle belohnt worden. Der Bund hat dann aber die Regeln geändert. Wir müssen jetzt 1050 Menschen vorbereiten. Und 350 bekommen nachher eine geförderte Arbeitsstelle.

Von 30 Leuten haben hinterher zehn einen Job – das klingt wenig. Ist eine solche Quote nicht frustrierend?

Granzow: Der Bund hat es eben so geregelt. Da bin ich Verwaltung, ich muss es umsetzen. Ich habe mich auch ein bisschen geärgert, weil ich das Verhältnis für ungünstig halte. Aber das muss man abwägen. 14 Millionen Euro, die die Leute hier verdienen, schaffen auch Kaufkraft ins Havelland.

Auch bei den Ein-Euro-Jobs soll gekürzt werden.

Granzow: Ja. Ich bin ganz froh, dass wir auch noch „Arbeit für Brandenburg“ haben. Da werden Ende des Jahres 130 Leute beschäftigt sein. Außerdem hat der Kreis noch das 100-Stellen-Programm. Obwohl auch das auch keine 100 Stellen mehr sind . . . deshalb ist eigentlich auch dieser Name falsch (lacht). Aber wenn wir da 50 bis 60 Menschen in Arbeit bringen, ist das auch schon was.

Aber es können ja nun nicht alle Menschen in die Programme Havelland 500 und Arbeit für Brandenburg reingequetscht werden. Die Kapazitäten sind doch da längst verplant. Was passiert mit all den übrigen Leuten – füllen die dann wieder die Statistik auf?

Granzow (ganz leise): Es wird einen Zuwachs bei der Arbeitslosigkeit geben.

Wie sieht der aus?

Granzow: Kann ich Ihnen nicht sagen. Wirklich nicht. Ich weiß nicht, ob sich dann eventuell wieder mehr Menschen bemühen, sich selbstständig eine Arbeit zu suchen. Auch Mini- und Midijobs kann ich nicht mit einrechnen. Seriös kann ich das nicht einschätzen.

Wie viel Geld des Kreises fließt eigentlich in direkte Arbeitsförderung?

Granzow: Pro Jahr sind das im Haushalt etwa zwei Millionen Euro – in den vergangenen zwei Jahren. Davor war es, glaube ich, etwas weniger.

Wie viele Förderprogramme gibt es überhaupt?

Granzow: Die kriege ich nicht zusammen. Es sind wirklich zu viele. Selbst für uns, die wir damit täglich zu tun haben, ist es schwierig, da den Überblick zu behalten. Allein schon im Sozialgesetzbuch II. Das soll übrigens bald durchforstet und entschlackt werden. Das ist meiner Ansicht nach auch notwendig. Ich sehe das so: Der Sachbearbeiter hat ein Gesetz und einen Ermessensspielraum. Er guckt auf den konkreten Sachverhalt, wendet dann beides an – und entscheidet. Lasst ihn, er hat’s doch gelernt! Warum muss ich denn alles mit 80 Paragrafen bis ins Detail regeln?

Apropos detailverliebte Wortungetüme: Sie müssen noch das Schild vor der Tür ihrer Behörde erneuern – weil das Integrations- und Leistungszentrum (ILZ) Havelland seit Anfang des Jahres formal keine Arbeitsgemeinschaft der Bundesagentur und des Landkreises mehr ist, sondern eine sogenannte „Gemeinsame Einrichtung“. Daher muss jetzt bald „Jobcenter – Integrations- und Leistungszentrum Havelland (ILZ)“ draufstehen.

Granzow: Ja. Das ist schon bestellt. Und wir haben bei diesem Schild jetzt schon ein bisschen aufgepasst, dass wir es im kommenden Jahr – wenn das Havelland vielleicht Optionskommune wird – noch ergänzen können. Dann müssen wir kein neues kaufen, das ist billiger. Vor das „Jobcenter“ schreiben wir eben nur noch das Wort „kommunales“. Und über das A der Agentur für Arbeit kommt ein Kreisgeier.

 
 

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Im neuen Jahr sind wir wieder für Sie da. Die neuen Sprechstundentermine folgen.

 

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